Wahlkampf

Yeah! Yeah! Yeah!

Kam gerade nach Hause (0:15) – und musste natürlich gleich nachsehen, was dieses TV-Total Spezial für Reaktionen bei Twitter ausgelöst hat. Logischerweise war die 7-minütige (!) Erwähnung der Piratenpartei und ihrer Themen längst fleißig von irgendwem hochgeladen worden und bereits zahlreich kommentiert. Yeah!

ältere Dame am Wahlkampfstand der #Piraten “das klingt vernünftig. Aber was Sie da vor Somalia machen, ist nicht in Ordnung”

Ironischerweise landete der Guttenberg mit seinem Witzchen eine satte Bauchlandung: Es brachte Trittin dazu, eine Lanze für die Piraten zu brechen und ihre idealistischen Ziele zu loben, was allseits beklatscht wurde. Yeah! (Das von Guttenberg zitierte Tweet stammte übrigens ursprünglich von einem Wahlkämpfer der Piratenpartei – das ist mal witzig!)

Münte hat uns sogar zu seiner SPD eingeladen, um mal mit ihnen über all die Themen zu sprechen, von denen sie keine Ahnung haben! Muss man sich mal vorstellen! Und Gysi musste sich noch hart das Wort erkämpfen um eine klare Antwort auf die Frage zu geben, was die anderen Parteien denn alle versäumt hätten, dass die Piraten überhaupt entstehen konnten (mussten!).

Das alles wird in epischer Breite über einer Partei gesagt, die Herr Raab gestern noch als exotische Witzpartei abgetan hat, obwohl sie offiziell durch Tauss im Bundestag vertreten ist und das die angebliche Bedingung für die Einladung in seine Sendung gewesen sein sollte. Dass die Piraten nicht eingeladen wurden, war ja von vorne herein absehbar – aber die Aktion EnterDenRaab hat dennoch super funktioniert und die Piraten erfolgreich in die Sendung geschmuggelt – ganz ohne anwesend zu sein…

Wir wissen jetzt also zumindest, dass die Parteien uns ganz klar ernst nehmen und von mancher sogar geschätzt werden! Außer z.B. von Westerwelle, der behauptete, die Piratenpartei würde auf gar keinen Fall die 5%-Hürde erreichen und daher sei eine Stimme für sie eine “verschenkte” Stimme. Er klang fast ein bisschen verzweifelt.

18Klar – wir kosten die FDP natürlich wertvolle Stimmen. Mit prozentualen Schätzungen hat der Mann sich aber auch schon ganz gewaltig vertan. Nur Nichtwählerstimmen sind vertane Stimmen – wie wir heute Abend sehen werden.

Yeah!

schonmal im Vorraus :-)

Wahlempfehlung

Das Internet spielt im deutschen Wahlkampf eine ganz andere Rolle, als die herkömmlichen Medien das prophezeit haben. Keine obama-mäßige Aktivierung von Mithelfern. Zwar twittert inzwischen fast jeder Provinzpolitiker auf seinem eigenen Blog – aber wer liest das? Die wöchtentliche Video-Botschaft der Kanzlerin schauen sich wohl nur öffentlich-rechtliche Redakteure an.

Die haben sich allerdings wirklich Mühe gegeben – so gibt es neben dem klassischen “Wahl-O-Mat” und Abgeordnetenwatch dieses Jahr tolle weitere Angebote. Der Youtube-Channel vom ZDF und deren Parlameter sind gut gemachte Projekte. Aber auch ein bisschen Augenwischerei – ein “Open Reichstag” ist das noch lange nicht, wenn Politiker bei Maybrit Illner mit Youtube-Videos konfrontiert werden.

Letztlich betrachten die Parteien (aber auch die meisten Redaktionen) das Internet doch nur als zusätzliche Plakatwand für ihre Floskeln. Als Methode zur aktiven Beteiligung an der Parteipolitik oder zur Mobilisierung wird das Netz hierzlande kaum genutzt – und völlig unterschätzt.

Denn neben dem profanen “Wahlkampf 2.0″ (gähn) tut sich etwas noch viel Spannenderes: Warum sollte man das Abstimmungsverhalten “seiner” Abgeordneten verfolgen – wenn man auch gleich selbst politisch aktiv werden kann? Die modernen Bürger nehmen die Möglichkeiten von Online-Petitionen in Anspruch, organisieren im Netz Demonstrationen – und gründeten jüngst eine echte Open-Source-Partei, die weit mehr Potenzial hat, als sich “nur” für Datenschutz und gegen verschärfte Copyright-Bestimmungen einzusetzen. Gerne missversteht man die “Piraten” als Software- bzw. Musik-Piraten, die nur wollen, dass man in Zukunft alles ungestraft für umsonst runterladen darf.

Wenn die Piratenpartei es diesen Herbst aber tatsächlich in den Bundestag schaffen sollte, wäre das eine Revolution. Denn eines der Ziele ist ein “transparenter Staat” statt “gläserner Bürger”. Sie wollen nicht nur kostenlosen Zugang zu freiem Wissen – sondern auch, dass wir alle nachvollziehen können, was in unserem Staat abläuft. Informationen, die momentan nur zähe Journalisten den Ämtern aus der Nase ziehen, soll jeder auf Anfrage bekommen können.

Das Parteiprogramm ist über einen “Wiki” entstanden, d.h. in einem öffentlichen und transparenten Vorgang. Nun ist auch die Wikipedia ein völlig unterschätztes Internet-Organ. Wie selbstverständlich schlagen wir dort alles nach – und vergessen dabei sehr gerne, dass dieser unschätzbar wertvolle Fundus nur durch die fleißige und gemeinnützige Arbeit von vielen einzelnen Privatpersonen zustande kommt. Warum sollte Politik nicht auch so funktionieren können? Und genauso selbstverständlich?

Gibt es schon bald echte e-Demokratie?

In der “Zeit” gab es diese Woche ein “Dossier” zum Thema. Da verglich man Parteien mit Fußballvereien – denen ja beiden die Mitglieder davonliefen. Die Leute meldeten sich heute lieber im Fitnessstudio an, woraus man schlussfolgert, dass die Leute lieber individuelle Ziele verfolgen, als sich in einem “Verein” zu organisieren. Aber kann man die Open-Source-Idee der Piratenpartei mit einem Fitnessstudio in einen Topf werfen? Ich denke – nein! So ein Wiki ist doch viel hypervereinsmäßiger, als man das gemeinhin wahrnimmt. Muss man nur mal die Diskussions-Seiten aufrufen.

Und es spricht ja auch nichts dagegen, sich mit seinem lokalen Netzwerk zu treffen – auf ein Bier beim Stammtisch, beim Grillen oder so.