Potenzial

Wahlempfehlung

Das Internet spielt im deutschen Wahlkampf eine ganz andere Rolle, als die herkömmlichen Medien das prophezeit haben. Keine obama-mäßige Aktivierung von Mithelfern. Zwar twittert inzwischen fast jeder Provinzpolitiker auf seinem eigenen Blog – aber wer liest das? Die wöchtentliche Video-Botschaft der Kanzlerin schauen sich wohl nur öffentlich-rechtliche Redakteure an.

Die haben sich allerdings wirklich Mühe gegeben – so gibt es neben dem klassischen “Wahl-O-Mat” und Abgeordnetenwatch dieses Jahr tolle weitere Angebote. Der Youtube-Channel vom ZDF und deren Parlameter sind gut gemachte Projekte. Aber auch ein bisschen Augenwischerei – ein “Open Reichstag” ist das noch lange nicht, wenn Politiker bei Maybrit Illner mit Youtube-Videos konfrontiert werden.

Letztlich betrachten die Parteien (aber auch die meisten Redaktionen) das Internet doch nur als zusätzliche Plakatwand für ihre Floskeln. Als Methode zur aktiven Beteiligung an der Parteipolitik oder zur Mobilisierung wird das Netz hierzlande kaum genutzt – und völlig unterschätzt.

Denn neben dem profanen “Wahlkampf 2.0″ (gähn) tut sich etwas noch viel Spannenderes: Warum sollte man das Abstimmungsverhalten “seiner” Abgeordneten verfolgen – wenn man auch gleich selbst politisch aktiv werden kann? Die modernen Bürger nehmen die Möglichkeiten von Online-Petitionen in Anspruch, organisieren im Netz Demonstrationen – und gründeten jüngst eine echte Open-Source-Partei, die weit mehr Potenzial hat, als sich “nur” für Datenschutz und gegen verschärfte Copyright-Bestimmungen einzusetzen. Gerne missversteht man die “Piraten” als Software- bzw. Musik-Piraten, die nur wollen, dass man in Zukunft alles ungestraft für umsonst runterladen darf.

Wenn die Piratenpartei es diesen Herbst aber tatsächlich in den Bundestag schaffen sollte, wäre das eine Revolution. Denn eines der Ziele ist ein “transparenter Staat” statt “gläserner Bürger”. Sie wollen nicht nur kostenlosen Zugang zu freiem Wissen – sondern auch, dass wir alle nachvollziehen können, was in unserem Staat abläuft. Informationen, die momentan nur zähe Journalisten den Ämtern aus der Nase ziehen, soll jeder auf Anfrage bekommen können.

Das Parteiprogramm ist über einen “Wiki” entstanden, d.h. in einem öffentlichen und transparenten Vorgang. Nun ist auch die Wikipedia ein völlig unterschätztes Internet-Organ. Wie selbstverständlich schlagen wir dort alles nach – und vergessen dabei sehr gerne, dass dieser unschätzbar wertvolle Fundus nur durch die fleißige und gemeinnützige Arbeit von vielen einzelnen Privatpersonen zustande kommt. Warum sollte Politik nicht auch so funktionieren können? Und genauso selbstverständlich?

Gibt es schon bald echte e-Demokratie?

In der “Zeit” gab es diese Woche ein “Dossier” zum Thema. Da verglich man Parteien mit Fußballvereien – denen ja beiden die Mitglieder davonliefen. Die Leute meldeten sich heute lieber im Fitnessstudio an, woraus man schlussfolgert, dass die Leute lieber individuelle Ziele verfolgen, als sich in einem “Verein” zu organisieren. Aber kann man die Open-Source-Idee der Piratenpartei mit einem Fitnessstudio in einen Topf werfen? Ich denke – nein! So ein Wiki ist doch viel hypervereinsmäßiger, als man das gemeinhin wahrnimmt. Muss man nur mal die Diskussions-Seiten aufrufen.

Und es spricht ja auch nichts dagegen, sich mit seinem lokalen Netzwerk zu treffen – auf ein Bier beim Stammtisch, beim Grillen oder so.

Die goldene Nase

Geld verdienen im Internet – dazu bedarf es “nur” einer pfiffigen Idee. Wenn viele bereit sind, ein klein bisschen Geld auszugeben, ergeben sich unter Umständen Millionen. Die zwei Jungs von daspinkewort.de haben offenbar in Wirtschaftskunde gut aufgepasst und vor gut einem Monat eine Website aus dem Boden gestampft, die dieses Prinzip aufnimmt.

In unserer Liste befinden sich 111985 Wörter, die wir aus dem deutschen Wörterbuch importiert haben.

Diese Wörter wollen Sie nun für 1 Euro pro Buchstabe verkaufen. Als Gegenleistung wird das Wort mit einer beliebigen Seite verlinkt. Einen sittlichen Nährwert hat das natürlich nicht – aber rein rechnerisch besteht ein enormes Potenzial! Seit Beginn des Projekts sind schon 79 Wörter verkauft. Was erstaunlich viel ist.

Ob sich Käufer für Begriffe wie “Abblasetauchspulregler” (22 EUR)  oder “Zylinderkopfdichtungsschaden” (28 EUR) finden, sei mal dahingestellt. Wer mal nach einem Branchenbuch gesucht hat, weiß jedoch, dass Adressdaten oder eben derartige “Wortlisten” mit einem Schlag haufenweise Seiten generieren, die von Google alle einzeln indexiert werden.

Wir wollen hoffen, dass der gute alte Duden nichts gegen die Verwendung seiner Wortliste hat und das “virale Marketingkonzept” aufgeht… Rätselhaft bleibt allerdings, wie trotz Duden die vielen Rechtschreibfehler auf der Seite zu Stande kommen.

Ursprünglich war wohl auch ein anderer Projektname angedacht:

Das goldene Wort

Vielleicht war das den beiden dann aber doch zu offensichtlich…

Halbgares auf Sparflamme

Vielleicht wundert man sich darüber, warum es hier in lezter Zeit so ruhig ist. An merkwürdigen Themen mangelt es nicht. In mageren Zeiten kann ich immer auf Entwürfe wie “Die Geschichte der Haarentfernung” zurückgreifen oder klaue frech von einem anderen Blog. Irgendein lustiges neues Ding, das uns von den wahren … (vielleicht ‘Strapazen’ oder ‘Beschwernissen’ oder so) des Lebens ablenken soll, findet sich meistens. Ich hätte auch noch ein tolles Quasi-Nackt-Bild von Putin!

Putin nackt

Seit Monaten sammle ich außerdem Material für eine Tabelle darüber, was man so alles während des ganzen Lebens unwillkürlich verspeist. Fliegen beim Fahrradfahren, Spinnen, die einem nachts in den Mund krabbeln… Eine durchschnittliche Frau schafft z.B. mehrere Lippenstifte pro Leben. Die Datenbank des nutzlosen Wissens weiß leider nicht, wieviele das sind, aber, dass die meisten Lippenstifte Fischgräten und Fischschuppen enthalten. Außerdem gibt es da einen gewissen französischen Entertainer namens Michel Lotito, der ganz willkürlich noch ganz andere Sachen verspeist:

Er verfügt über die ungewöhnliche Fähigkeit, große Mengen von Metall und Glas verzehren zu können, ohne dass dabei seine Gesundheit Schaden nimmt. Röntgenaufnahmen beweisen, dass sein Magen am Tag bis zu 900 Gramm Metall aufnehmen kann. Der aus Grenoble stammende Künstler tritt überall in der Welt auf und gibt Kostproben seiner erstaunlichen Esskunst. Seit 1966 hat er schon 18 Fahrräder, 15 Supermarktwagen, sieben Fernseher, sechs Leuchter, zwei Betten, ein Paar Ski, ein Leichtflugzeug der Marke Cessna, einen Computer und einen Sarg (mit den Griffen) gegessen. Er zerkleinert die Gegenstände mit einer Elektrosäge in mundgerechte Happen, die er dann einfach hinunterschluckt. “Die Fahrradkette”, soll er gesagt haben, “ist am leckersten gewesen.” (Quelle: Wikipedia)

Aktion “Lebendiges Deutsch”

Medium: www.youtube.com
Link: www.youtube.com

Gegen die böse “Anglomanie” (gibts da kein gutes deutsches Wort für?) ruft die Aktion “Lebendiges Deutsch” zu einem Wortfindungswettbewerb auf: Die hochkarätige Jury berät dann und gibt Sprachempfehlungen heraus – denen ich allerdings wenig Anwendung prophezeie:

  • Schnellkost” gegenüber Fastfood wirkt ein bisschen altertümlich und “Eilmampf” ist zwar originell, wird sich aber vermutlich höchstens auf T-Shirts durchsetzen, die keiner trägt. Wie wärs denn, wenn man den guten Imbiss oder gar Schnellimbiss wieder aufwärmte (die Profis nennen das übrigens Regenerieren)? Dafür ist es noch nicht zu spät!
  • Pay-TV in “Zahlkanal” umzumünzen, finde ich geradezu mutwillig. Da gefällt mir Bezahlfernsehen besser, das ist viel deutscher!
  • “E-Müll” für Spam ist mir zu stammtischig! Und wenn man weiß, wo die Wurzeln dieses Wortes liegen, will man auch gar kein anderes Wort dafür erfinden.
  • Laptop zu “Klapprechner”? Das ginge gerade noch so durch. Im Badischen würde ich vorschlagen, sollte man beim Läbbtob oder Läbbi bleiben, in Hessen kann man getrost auf den Glabbreschnää umsteigen.
  • Am “Prallkissen” kann man gut erkennen, wie willkürlich die zu reformierenden Begriffe von dem Verein ausgewählt wurden. Der gute Airbag ist wunderbar kurz und griffig. Wenn der grausige “Exit-Bag” etwas populärer wäre, würde der Verein sicher Selbsttötungstüte vorschlagen. In der Autowerbung jedenfalls haben weder dralle noch pralle Kissen eine Chance.

Das einzige, was man tatsächlich überdenken könnte ist “Hingeher” für Event. Das ist treffend und klingt nach Hingucker – der in meinen Augen auch der bessere “Eyecatcher” ist. Ja, der Hingeher hat Potenzial und ich bin überzeugt, dass bald nur noch die Leute “Event” sagen werden, die auch “ins Aqua-Fitness gehen”.

Übrigens!