Dekomplifizierung
Jörg Pilawa hat es eine Woche lang ohne sein iPhone ausgehalten und war deswegen gestern extra in einer Talkshow. Es wurde ausgiebig über “Entschleunigung” gesprochen, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass das doch eigentlich ein schreckliches “Unwort” sei. Möglicherweise erscheint dann auch bald ein neues Buch dazu (Der Bestseller ist leider schon geschrieben: “Simplify your life“).
Nun, warum ist Entschleunigung eine so fiese Wortmissbildung? Vergraben wir uns ein wenig in der Grammatik: Die Vorsilbe Be- macht intransitive Verben transitiv: Dienen kann man nur jemandem möchte man ein Akkusativ-Objekt dienen, das merkt man sofort, braucht man das be-. Die Vorsilbe kann auch die Wortbedeutung verstärken oder genauer abstufen wie in ‘fragen – befragen‘. Letzteres ist auch bei der Beschleunigung der Fall.
Beschleunigen heißt also soviel wie Verschnellern, sein offizielles Gegenteil ist Verlangsamen. Es stammt von dem putzigen Adjektiv schleunig, das etwas aus der Mode gekommen ist und heutzutage höchstens noch als schleunigst auftritt. Seinerzeit bedeutete schleunig vor allem ‘schnell / ohne Zeitverlust’.
Noch früher gab es das Verb Schleunigen oder Schlaunen, das aber kannten selbst die Brüder Grimm nur noch vom Hörensagen. Das Be- zur Verstärkung hat sich bis heute eingebürgert.
Da wir bereits über das schöne Verlangsamen verfügen, fragt man sich also, was eine Entschleunigung denn wohl für einen Zusatznutzen brächte. Vielleicht ist etwas ganz anderes gemeint? Geht es gar nicht um das Drosseln von Geschwindigkeit sondern nur um eine Art Ausgleich in Form von Yoga-Stunden am Wochenende?
Jedenfalls ist Entschleunigung genauso überkandidelt bzw. falsch wie Entlangsamung. Man spricht auch von Vereinfachung – und nicht etwa von Entkomplexifikation oder etwas ähnlich Schrecklichem…Ich empfehle in diesem Zusammenhang übrigens die Aufdröselung.
- Reale Schneckenpost

