Internet

Na juhu!

Yahoo ist zuversichtlich, was seine Zukunft angeht. “Heute nutzt die Hälfte aller Internetbesucher in Europa Yahoo.” meint Europa-Chef Rich Riley im Manager-Magazin. Glaubt er das wirklich? Okay, ich habe einen Flickr-Account, den ich kaum noch nutze. Und einen bei Yahoo-Pipes - den ich nie wirklich genutzt habe. Aber Yahoo als Suchmaschine oder gar Startseite? Braucht das jemand? Ich habe jedenfalls keine fünf Minuten Verweildauer gebraucht um ein vernichtendes Urteil zu fällen.

Das “neue” Yahoo also. Ein Portal mit Suchmaske und Mail-Account, wie es solche Seiten gibt, seit ich surfen kann. Viele dieser Portale hat es dahingerafft - andere blieben (dank kostenloser E-Mailfächer). Na gut - such ich doch mal wenigstens was: Ein Video! Die ersten 3 Ergebnis-Seiten liefern Treffer von “Vodpod” - hat man ja auch noch nie was von gehört. Vermutlich eins der vielen Partnerangebote, die Yahoo nun integrieren will: “Bisher haben wir alles allein gemacht. Jetzt haben wir uns geöffnet, um schneller mehr Angebote stemmen zu können. Eines Tages werden die Fremdentwickler die meiste Arbeit übernehmen. Noch aber haben wir eine Mischung aus eigenen und fremden Erfindungen”, so Riley.

Ein Holzweg. Denn niemand will eine individualisierte Website. Die Inhalte unserer liebsten Angebote hübsch übersichtlich aufbereiten? Das werden Smartphone-Apps und Browser-Plugins erledigen. Eine Webseite als “Einstiegstor fürs Internet” wird aber kaum noch jemand ständig besuchen. In den Screenshots der neuen Seite (die erst in 1-2 Wochen wirklich starten soll) werden die externen Module dann demnächst als “Tabs” eingeblendet und nebenan Bannerwerbung. Was solls bringen? Außer Werbefläche?

Und wem z.B. Google immer zu nackt war, kann schon eine ganze Weile mit ‘iGoogle‘ beliebige Internet-Module zusammenfrickeln - braucht zwar auch niemand, funktioniert aber mindestens genauso super. Das einzige, was man übrigens ohne Account bei Yahoo individualisieren kann, ist die Grundfarbe der Website - die den meisten Usern wohl herzlich egal sein dürfte.

Ansonsten besteht Yahoo-Deutschland leider nur aus Links und Widgets, wie man sie z.B. aus der unteren Sidebar von SpiegelOnline oder überall sonst kennt: Horoskope, Preisvergleiche, Reisen und Routenplaner und natürlich - das Wetter. Allgemeines, Nützliches - Brot und Butter. Nichts Wichtiges, nichts Interessantes. Alles glatt und gleich. Das “neue” Yahoo ist sicherlich gut gemeint - aber das ist eben das Gegenteil von gut.

Früher waren redaktionelle Webkataloge eine Konkurrenz für “echte” Suchmaschinen, die viele unpassende Ergebnisse lieferten. Das ist längst überwunden - spätestens, seit Google bereits beim Eintippen errät, wonach man sucht. Hätte man aber die Nutzer irgendwann einbezogen in die Kataloggestaltung - vielleicht wäre das ja was geworden. Aber das ‘Social Bookmarking’ haben dann andere erfunden (und an Google verkauft) und so ist der Web-Katalog endgültig gestorben, auch wenn ich ihn mir jetzt selbst aus Modulen zusammenklicken darf.

Na, ich drücke trotzdem die Daumen. Ist die Seite eigentlich wirklich so nackt, oder liegt das an meinem Werbeblocker?

Halloween-Post

Halloween. Ein geeigneter Aufhänger für einen Post über den Web-Klassiker schlechthin Rotten.com - oder? 1996 startete dieses makabre Internet-Projekt und ich muss gestehen, dass ich bestimmt schon 10 Jahre nicht mehr drauf war. Erfrischend finde ich aber, dass sich am Aufbau und Design der Seite gar nichts verändert hat, auch wenn sich das Angebot schrittweise stark ausgeweihdtet hat.

Als Ziel geben die Macher an „eine unvergessliche Sammlung von all jenem zusammenzutragen, was sich die Menschheit zu vergessen geschworen hatte“. Von schrecklichen Autopsie-Bildern bis hin zum jüngsten „Rate my Poo“. Dort können User Bilder ihrer eigenen Exkremente hochladen und die der anderen bewerten - eine ironische Anspielung auf das web2.0.

Eine weitere von rotten.com gegründete Seite ist „Sports Dignity“, eine Bildergalerie aus der Welt des Sports. Hier können Sportler betrachtet werden, die ihre Genitalien entblößen, der Kamera den Finger zeigen oder sich sehenswerte Verletzungen zugezogen haben.

Seit November 2003 gibt es den „Rotten Dead Pool“. Hierbei handelt es sich um ein Spiel, bei dem jeder Spieler zehn Personen nennen muss, von denen er glaubt, dass sie im Verlauf der nächsten 12 Monate sterben werden. Für jeden richtigen Tipp bekommt der Spieler einen Punkt - es sei denn, die Person war zum Zeitpunkt der Auswahl bereits zum Tode verurteilt worden, oder der Spieler selbst hat sie umgebracht!

Am 4. Oktober 2001 verfügte die Bezirksregierung Düsseldorf übrigens, dass auf Grundlage des Mediendienste-Staatsvertrags von 1997 Access-Provider in Deutschland den Zugang zu der Seite verhindern müssten. Nach Protesten wurde rotten.com aber von der Sperrverfügung ausgenommen. Ebenfalls filtern einige Suchmaschinen wie Google Deutschland teilweise Ergebnisse heraus, die auf rotten.com weisen. Kritiker werfen der Düsseldorfer Landesregierung vor, auf diese Weise Zensur zu betreiben. (wikipedia)

Ob ich mir jetzt Sorgen machen muss? Jedenfalls trotzt die Seite allen Schmähungen und hat bis heute überlebt. 8000 Leute besuchen täglich die Seite, Tendenz: rückläufig. Eigentlich nicht viel für eine derart bekannte Seite, sollte man meinen. Dennoch: Wer sich mal wieder kräftig gruseln und ekeln möchte und die ganze schreckliche Wahrheit ertragen kann - bekommt nirgendwo sonst hochwertigeres Material.

Wahlempfehlung

Das Internet spielt im deutschen Wahlkampf eine ganz andere Rolle, als die herkömmlichen Medien das prophezeit haben. Keine obama-mäßige Aktivierung von Mithelfern. Zwar twittert inzwischen fast jeder Provinzpolitiker auf seinem eigenen Blog - aber wer liest das? Die wöchtentliche Video-Botschaft der Kanzlerin schauen sich wohl nur öffentlich-rechtliche Redakteure an.

Die haben sich allerdings wirklich Mühe gegeben - so gibt es neben dem klassischen “Wahl-O-Mat” und Abgeordnetenwatch dieses Jahr tolle weitere Angebote. Der Youtube-Channel vom ZDF und deren Parlameter sind gut gemachte Projekte. Aber auch ein bisschen Augenwischerei - ein “Open Reichstag” ist das noch lange nicht, wenn Politiker bei Maybrit Illner mit Youtube-Videos konfrontiert werden.

Letztlich betrachten die Parteien (aber auch die meisten Redaktionen) das Internet doch nur als zusätzliche Plakatwand für ihre Floskeln. Als Methode zur aktiven Beteiligung an der Parteipolitik oder zur Mobilisierung wird das Netz hierzlande kaum genutzt - und völlig unterschätzt.

Denn neben dem profanen “Wahlkampf 2.0″ (gähn) tut sich etwas noch viel Spannenderes: Warum sollte man das Abstimmungsverhalten “seiner” Abgeordneten verfolgen - wenn man auch gleich selbst politisch aktiv werden kann? Die modernen Bürger nehmen die Möglichkeiten von Online-Petitionen in Anspruch, organisieren im Netz Demonstrationen - und gründeten jüngst eine echte Open-Source-Partei, die weit mehr Potenzial hat, als sich “nur” für Datenschutz und gegen verschärfte Copyright-Bestimmungen einzusetzen. Gerne missversteht man die “Piraten” als Software- bzw. Musik-Piraten, die nur wollen, dass man in Zukunft alles ungestraft für umsonst runterladen darf.

Wenn die Piratenpartei es diesen Herbst aber tatsächlich in den Bundestag schaffen sollte, wäre das eine Revolution. Denn eines der Ziele ist ein “transparenter Staat” statt “gläserner Bürger”. Sie wollen nicht nur kostenlosen Zugang zu freiem Wissen - sondern auch, dass wir alle nachvollziehen können, was in unserem Staat abläuft. Informationen, die momentan nur zähe Journalisten den Ämtern aus der Nase ziehen, soll jeder auf Anfrage bekommen können.

Das Parteiprogramm ist über einen “Wiki” entstanden, d.h. in einem öffentlichen und transparenten Vorgang. Nun ist auch die Wikipedia ein völlig unterschätztes Internet-Organ. Wie selbstverständlich schlagen wir dort alles nach - und vergessen dabei sehr gerne, dass dieser unschätzbar wertvolle Fundus nur durch die fleißige und gemeinnützige Arbeit von vielen einzelnen Privatpersonen zustande kommt. Warum sollte Politik nicht auch so funktionieren können? Und genauso selbstverständlich?

Gibt es schon bald echte e-Demokratie?

In der “Zeit” gab es diese Woche ein “Dossier” zum Thema. Da verglich man Parteien mit Fußballvereien - denen ja beiden die Mitglieder davonliefen. Die Leute meldeten sich heute lieber im Fitnessstudio an, woraus man schlussfolgert, dass die Leute lieber individuelle Ziele verfolgen, als sich in einem “Verein” zu organisieren. Aber kann man die Open-Source-Idee der Piratenpartei mit einem Fitnessstudio in einen Topf werfen? Ich denke - nein! So ein Wiki ist doch viel hypervereinsmäßiger, als man das gemeinhin wahrnimmt. Muss man nur mal die Diskussions-Seiten aufrufen.

Und es spricht ja auch nichts dagegen, sich mit seinem lokalen Netzwerk zu treffen - auf ein Bier beim Stammtisch, beim Grillen oder so.

Euroloch Award 2009

Im hyperinflationären Simbabwe dürften derzeit sogar Kabelbinder als Zahlungsmittel gelten. Nun sind Kabelbinder wie die meisten unscheinbaren Massenprodukte eigentlich wertlos, d.h., ihr Herstellungspreis pro Stück liegt bei Null Cent. Auch Baumärkte leben bekanntlich davon, Gummiringe für teuer Geld einzeln zu verpacken, obwohl so ein Gummiring so gut wie nichts kostet.

Euroloch-AwardLeere Original-Verpackungen von teuren technischen Anschaffungen werden übrigens auch bei uns inzwischen hoch gehandelt. 20 EUR für einen Apple-Karton sind da durchaus drin.

Demgegenüber steht der stark wachsende Handel mit virtuellen Gütern, die mit realem Geld bezahlt werden, physisch aber nicht existieren: Musik, Ebooks, “Items” in Onlinespielen - die man sogar in ganz realen Läden kaufen kann.

“Guthaben” bekommt man in Form einer Nummer auf den Kassenbon gedruckt - aber manch virtuelles Produkt ist da schon aufwändiger verpackt. Höchste Zeit also einen Preis auszuloben für das hübsch verpackteste Nichts, das derzeit zu haben ist. Hier sind zwei beispielhaft Nominierte - die Jury ist für viele weitere Vorschläge dankbar:

1. Deutsche Post AG mit der “Clevercard

Die Post bringt es fertig, Hyperlinks auf Pappkärtchen zu verschlüsseln, die von den freiwilligen Abonnenten mit einem speziellen Lesegerät zu Hause aufgerufen werden können. Links per Post verschicken, das ist kühn und originell - und nachvollziehbar, wenn man geschäftsmäßig mit Adressen handelt - aber eben auch vollkommen sinnlos. Außerdem sind die Produkte und sogar das Lesegerät kostenlos, das gibt Punktabzug! Prognose: Höchstens für ältere Internet-Neulinge mit ausgeprägter Rabattsystem-Affinität interessant.

Clevercard der Deutschen Post AG

2. Nintendo of Europe für die “Wii Points Card

Für das Guthaben im eingebauten “Wii Shop Channel” bekommt man nicht nur einen lieblosen zufälligen Zahlensalat auf einem Kassenbon, nein, man bekommt einen Haufen Material: Einen Hochglanzpappschuber mit eingelegter Karte und zwei Broschüren: Eine zwölfsprachige Bedienungsanleitung und einen Werbeprospekt. Natürlich alles mit dem Original Nintendo “Seal of Quality”. Das macht viel her!

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Schmerzgrenze an Leserschwund

Wo liegt bei Dir die Schmerzgrenze an Leserschwund, der Dich veranlasst, Dein wundervolles Nischenprogramm einzustellen?

Welch provokante Frage! Aber das muss ich doch ausführlicher ausführen: Ich habe 2005 mit dem Bloggen angefangen. Da wusste man noch gar nicht, für was das gut sein sollte, aber es war schon außerordentlich hip. Da gab es noch keine Social-Bookmarking-Werkzeuge, sondern bloß einen Haufen Webtagebücher und freakige Sprachakrobaten, die tolle Texte schrieben. Das sind auch so die Blogs, die ich selbst ganz gerne lese - Webtagebücher sind nicht so mein Ding. In all den Jahren habe ich es noch auf nicht mal 200 (!) Postings gebracht. Darauf bin ich fast ein bisschen stolz. Das macht höchstens einen Post pro Woche - hey, und selbst das kommt mir fast viel vor! Und in all der Zeit habe ich nicht einmal das Kubrick-Standard-Theme ausgewechselt!

Der Trash wuchert zwar nach wie vor allüberall - aber der echt urige liegt hinter uns. Aus diesem Grund hat schon die wunderbare Müllseite dicht gemacht, die immer mein großes Vorbild war. Ich bin da Nostalgiker und trauere dem Web 1.0 hinterher. Mit dem bin ich großgeworden. Blinkende GIF-Zierleisten, ja das waren noch Zeiten… Die private Internet-Seite hat sich nahezu aufgelöst in zig untereinader eingebettete Profile bei irgendwelchen MyFace-ähnlichen Diensten, die dann alle hochindividuell verziert sind. Diese Art Internet meide ich.

Blinke-GIF
Aber auf was wollte ich hinaus? Ach ja - also das gab es alles nicht, ich nutzte mein Blog um mir selber Seiten zu merken und kommentierte das Ganze noch ein bisschen. Das es noch andere lesen KÖNNEN, das ist schön - aber ich muss deshalb nicht in irgendwelchen Social-Bookmarking-Hitparaden aufsteigen. Liebe Leute - nehmt diese ganzen unsäglichen SEO-Tipps bitte nicht so ernst. Das ist alles heiße, schlechte Luft aus dem Hals von Dieter Bohlen. Es kann (und muss) nicht jeder ein “Star” sein.

Und die 20 EUR, die durch Google-Werbung oder T-Shirt-Verkäufe (Prust!) reinkommen täten, lohnen den ganzen Spam-Aufwand sowieso nicht. Ganz zu schweigen von der hässlichen Verunzierung, die solche Werbemaßnahmen mit sich bringen. Nicht vergessen - mit “Geld verdienen” verdienen vor allem die Leute einen Haufen Geld, die dir welches versprechen!

Twitter ist ein prima Tool für faule Blogger - wenn ich mir die Blogs der Leute so ansehe, die viel twittern, sehe ich, die schreiben auch schon viel weniger. Und auch dort halte ich es übrigens für völlig Banane, anzustreben, dass einem wunderweißwieviele Leute “zuhören”. Stell dir vor, die antworten alle! Es geht darum, sich mit ein paar Leuten zu vernetzen. Der Witz ist gerade nicht, dass man als Einzelner 1000 Leute erreicht, sondern dass Twitter irrsinnig viele Mikro-Netzwerke beherbergt, zwischen denen die heißesten News blitzschnell nach oben befördert werden.

Auch bei Blip.fm ist nicht mein Ziel, dass ich persönlich viele “Anhänger” finde, sondern dass man durch Leute, deren Geschmack man schätzt, viele neue Stücke kennenlernt. In einem sehr individuellen Radio-Stream. Es ist ein cooles Werkzeug - aber um Gottes Willen keine Bühne.

Nein nein, das Verhältnis aus Postings schreiben und lesen, sollte ausgewogen sein, finde ich. Und ich will auch mal in Urlaub fahren können, ohne dass ich einen Gastschreiber einstellen muss, weil mir sonst der Traffic wegbricht… Die beste Bühne ist und bleibt immer noch das Theater. Ahoi!

(geschrieben mit dem angenehmen Stress-Tool “write or die“)

Vom Hölzchen zum Stöckchen

In einer beschmunzelungswürdigen Assoziationsreihe kommt Dr. Christian Stöcker (Redakteur SpiegelOnline) zu dem Schluss, das Internet bestünde zunehmend aus kitschigen Tierbildern. Das ist natürlich kalter Kaffee und ich wage zu behaupten, dass niedliche Tiere Menschen schon seit Jahrtausenden entzücken - aber die fantastische Grammatik macht den Artikel ungemein lesenswert:

Jetzt ist langsam mal Schluss mit niedlich. Im Ernst. Es reicht. Das Internet, sagt ein populäres, sogar bereits vertontes Neo-Sprichwort, ist für Pornografie: The Internet is for porn. Was zweifellos stimmt. Ein zweites, noch nicht populäres aber um nichts weniger wahres Noch-Nicht-Sprichwort lautet: Das Internet ist für Katzenfotos. (Link)

Spaß beiseite, Tacheles, jetzt mal Butter bei de Fische! Es ist tragisch, dass “Qualitätsjournalisten” auch nichts weiter tun als das Material aus ihren Feedreadern ungeprüft wiederzukäuen. Und es ist absolut lächerlich, den Verkaufspreis einer eBay-Auktion vor Ablauf für eine vernünftige Argumentation zu gebrauchen. Auch mit albernen Tools, die den Wert eines Blogs zu beziffern vorgeben, wäre ich persönlich vorsichtig.

Ja schade, dass es über deutschsprachige Blogs so wenig zu berichten gibt. Schade auch, dass eins der erfolgreichsten deutschen Nachrichtenportale unbelesen solch gequirlten Bullshit verbreitet. Und eigentlich noch schlimmer, dass ich mich genötigt sehe, auch noch was dazu zu meinen.

Super auch dieses (Skype-?) Interview mit Dr. Stöcker:

Warum können Sie mit dem Begriff “Bürgerjournalismus” nichts anfangen?

Stöcker: Das Wort “Bürger” schleppt zu viele Konnotationen mit sich herum. Blogs passen eher zu anti- bis unbürgerlichen Grassroots-Traditionen. Auch “Journalismus” greift als Begriff zu kurz, weil es um mehr geht als das journalistische Betätigen. Es geht nicht zuletzt um Unterhaltung, um Kommunikation. Die Bezeichnung “Citizen Journalism” gefällt mir besser, obwohl auch das ein überhöhtes Wort ist. Schließlich gab es schon immer Journalismus, der nicht von Profis gemacht wurde, etwa bei Schülerzeitungen. Das ist keine Erfindung des Internet. Hier wird eine Geisterdebatte geführt: Blogger bezeichnen sich in der Regel nicht als Journalisten, sie schimpfen eher über sie.

Mhm, erwischt!

Internet-Stars

FreeplerNach den Radio- und Fernsehstars gibt es heute nun endlich auch Internetstars. *Gähn* Jeder hat nun die Chance berühmt zu werden - und seit Neuestem muss man dafür nicht mal peinliche Videos bei Youtube hochladen! Auf der Website InternetStar.de wird man alleine durch Anklicken berühmt:

Du bist der einzige ultimative InternetStar? Tja, dann lege los und zeige es! Das Prinzip ist einfach. Je mehr Besucher deinen persönlichen InternetStar-Link anklicken, desto mehr Stars werden dir gutgeschrieben. Der User mit den meisten Stars ist InternetStar!

Was denn, so einfach? Nicht ganz:

Die Stars sind allerdings nicht das einzige Kriterium. Zusätzlich dazu gibt es noch Herzen, die ebenfalls mit eingerechnet werden. Herzen können allerdings nur von angemeldeten Usern an andere User vergeben werden.

Verstehe. Der Meistgeklickte ist übrigens freepler, 39 Jahre alt aus Möhnesee. Weiß der Himmel, warum.

Blib.fm

Twitter ist schon so simpel, dass die meisten Leute zunächst gar nicht nachvollziehen können, wie sinnvoll und revolutionär dieses Werkzeug ist. Die nächste Revolution ist Blib.fm - oder vergleichbare Dienste:

Alle im Internet frei verfügbaren MP3s oder Podcasts (aber auch selbst hochgeladene Musikstücke)* werden bei Blib.fm zu einem Internet-Radio-Stream. Man kann seine Freunde einladen oder über gleiche Geschmacksrichtungen sehr schnell Wildfremde finden. Aus deren und eigenen Eingebungen bildet sich ein unendliches hochindividuelles Mixtape - das sinnigerweise die Startseite bildet.

Wer noch vorhatte, seine ganzen CDs auf die Festplatte zu spielen, weil die sich ja vielleicht doch nicht sooo lange halten kann sich die Mühe nun getrost sparen. Das Internet ist voller Musik - und man muss sie nicht mal mehr in dubiosen Kanälen suchen und runterladen.

Aus der Copyright-Frage hält sich Blip.fm fein raus - die Verantwortung sollen die User tragen.*

Der Traum der Entwickler ist eine Verfügbarkeit ALLER Musikstücke, mit der sich das Risiko der Illegalität erübrigen würde. Wer die gestreamten Musikstücke herunterladen will, kann dies über einen Link zu einem Verkaufsportal (oder ist so schlau, dass sich die Mp3-Dateien logischerweise geraume Zeit im Browser-Cache befinden). Das soll wohl ausschließen, dass die Musikindustrie völlig verzweifelt. Nur - wozu überhaupt noch irgendwas runterladen, sprich abspeichern? Und dafür bezahlen?

Wenn in Zukunft ohnehin überall WLAN herrscht, lässt man sich die Musik einfach auf ein entsprechendes portables Gerät streamen. Das könnte bereits heute manches Handy sein.

Früher musste man in einen Laden gehen und eine Schallplatte kaufen. Vorgestern konnte man sich Musik aus dem Radio auf Kassetten spielen und diese auf einem Walkman mit sich tragen. Gestern kaufte man sich CDs im Laden, spielte sie auf den Rechner und vielleicht auf einen MP3-Player. Oder man holte sie sich illegal aus dem Netz. Alternativ kann man seit etwa kurz vor Mitternacht, kostenpflichtig und viel zu teuer, einzelne Musikstücke legal auf PC oder Handy laden - womöglich noch mit Kopierschutz!

Und heute? Durch Dienste wie Blip.fm hat man die Möglichkeit, überall wo Internet ist, Playlisten seiner Lieblingsmusik anzuhören. Sie muss nirgendwo dauerhaft gespeichert werden, die verkaufte Kopie verstaubt im Regal. Das ist aber nicht das Ende der Musik - nur das Ende der Industrie.

Der ganze Umweg vom Künstler zum Konsumenten über Plattenfirmen und Vertriebe, Läden und Datenträger - entfällt. Und damit all die schmarotzenden Mitverdiener. Der einzelne Künstler profitiert durch die blitzartige Verbreitung seiner Musik im Internet und verdient sein Geld mit Konzerten. Vielleicht. Vermutlich muss er noch Kellnern gehen.

So, jab ich jetzt oft genug Blip.fm verlinkt? (Mir gehen meine Props aus!)

Zeichnungsraffer

Na wenn das mal nicht totally awesome ist! Der Embed-Code funktioniert bei mir leider nicht…

Die 200000 Bücher des Mr Parker

Mr. Parker gilt mit mehr als 200000 Büchern, wie die erweiterte Suche auf Amazon unter seinem Verlag zeigt, „zum meist veröffentlichten Autor in der Geschichte des Planeten“. Und er verdient Geld damit.

Unter anderem veröffentlichte er unter seinem Namen: „Das offizielle Patientennachschlagewerk zu Akne Rosacea“ ($ 24,95 und 168 Seiten lang), „Stickler-Syndrom: Bibliographie und Wörterbuch für Ärzte, Patienten und Genom-Forscher“ ($ 28,95 ür 126 Seiten); Und „Der Ausblick für 2007-2012: Waschbare Badematten in Indien“ ($ 495 für 144 Seiten).

Mr. Parker, der auch den Vorsitz der Professor für Informatik an einer Business School mit Campus in Fontainebleau, Frankreich und Singapur innehält, hat Computer-Algorithmen entwickelt, die alle öffentlich verfügbaren Informationen über ein Thema sammelt - sei es noch so abwegig – und die generierten Bücher dann als Book-On-Demand veröffentlicht.

Das klingt in den Ohren eines Laien wie glatter Betrug, ist es aber nicht. Mr. Parker hat lediglich einige provokative - und offenbar profitable - Vorstellungen davon, was ein Buch ausmacht. Während er von den gefragtesten seiner Bücher hunderte von Kopien verkaufen darf, wie er sagt, haben viele ihren Umsatz in den Dutzenden, manche medizinische Bibliothek sammelt fast alles, was er produziert.

Beim Betrachten eines Werkes wie dem über die „Aussichten für Bademattenumsätze in Indien“, fällt es dem Leser schwer, einen Satz zu finden, der tatsächliche von einem Computer neu „geschrieben“ wurde. Öffnet man so ein Buch, findet man einen Titel, eine detaillierte Übersicht über die Inhalte und viele, viele Seiten mit einleitenden allgemeinen Grafiken, angepasst an Inhalt und Genre.

Als noch nicht bekannt war, dass Mr. Parker’s Bücher computergeneriert sind, war einer seiner Leser, David Pascoe aus Australien, nah daran es selbst herauszufinden. In seinem Kommentar auf Amazon kritisierte er 2004 den Leitfaden für Rosacea (eine Hautkrankheit): „Das Buch dient eher als Vorlage für die allgemeine Gesundheits-Recherche, ist aber alles andere als spezifisch über Rosacea. Die Informationen sind von einem so allgemeinen Niveau, dass die Quelle für das nächstgelegene medizinischen Thema nur ein „Suchen und Ersetzen“ weit entfernt ist.“

Mr. Parker war bereit, vieles von dem zuzugeben, was Herr Pascoe ihm vorwarf. „Wenn Sie sich gut im Internet auskennen, ist das Buch für Sie nutzlos“, sagte er und fügte hinzu, dass Herr Pascoe es nicht habe kaufen müssen. „Aber, es gibt Menschen, die sich eben nicht im Internet auskennen - und die finden diese Bücher nützlich.“

Es ist die Idee der Automatisierung schwieriger oder langweiliger Arbeit, die Mr. Parker dazu brachte, sich damit zu beschäftigen. Er klingt ein weit entfernten Schüler von Henry Ford, wenn er sagt, er habe „den Weg des Buches in die Hände der Menschen auseinander genommen und wolle jeden nur erdenklichen Einzelschritt automatisieren.“ Er fügt hinzu: „Mein Ziel ist es nicht, den Computer Sätze formulieren zu lassen, aber er eignet sich für wiederholbare Aufgaben, die zu kostspielig sind, als dass man es anders macht.“

In einem Interview in San Diego beschrieb Mr. Parker, dass es einen Markt für sonst vernachlässigtes Publikum gibt. Das kann eine relativ obskure Sprache sein, oder eine relativ seltene Krankheit oder ein relativ spezielles Produkt.

Nehmen wir zum Beispiel die Studie über Badematten in Indien. „Nur eine Person in der Welt könnte das interessieren“ räumte er ein, „wahrscheinlich einen strategische Planer für eine multinationale Firma, die solche Dinger herstellt.“ Er weist darauf hin, dass ihn, sobald er den Computer darauf trainiert hat, die Daten über komplexe Berechnungen zur zukünftigen Umsatzentwicklung zusammenzustellen, jedes neue Buch nur rund 12 Cent plus den Strom kostet. Da diese Bücher erst auf Abruf gedruckt bzw. elektronisch geliefert werden, gewinnt er bereits nach dem ersten Verkauf.

Sein Unternehmen, die „Icon Group International“, verhilft dem Long Tail zum Leben – er generiert bedeutenden Gesamtumsatz durch die Addition von Zehntausenden so genannten „schlechtesten Kunden“.

„Ein bisschen künstliche Intelligenz in dem Computer-Programm imitiert die Gedanken von jemandem, der normalerweise eine solche Studie machen muss“, sagt Mr. Parker. „Aber statt der vielen Monate, die so eine Studie dauern würde, führt der Computer diese in etwa 13 Minuten aus.“

Geklaut von: NYT