Gedankengebäude

1-Euro-Schuh, die Zweite

Der 1-Euro-Schuh. Das lässt mich gar nicht mehr los. Vielleicht liegt das auch daran, dass zur Zeit eine Menge rührseliger Reklame läuft, in der sich Firmen mit “Spendenaktionen” selbstbeweihräuchern. Beim Windelkauf was Gutes für die armen kranken Kinder tun, Bier trinken für den Regenwald - überall wird uns suggerriert, dass wir mit unserem Konsumverhalten irgendetwas bewirken könnten. Dieser Illusionen kann man sich schön auf ende-der-maerchenstunde.de berauben lassen.

Aber gut, wir bleiben bei den Turnschuhen. Unfassbar unpassender Trackback-Spam erreichte mich heute, untermalt von viel passender Online-Schuhwerbung:

Wie der Adidas Schuh aussehen soll, ist noch nicht klar. Außerdem wisse man noch nicht, ob er überhaupt die bekannten drei Streifen bekommen wird. (…) Denn auch in der Dritten Welt soll man mit (schönen) Schuhen laufen können. Wenn das mal keine nette Geste ist.

Eine nette Geste??? Und warum sollen da keine 3 Streifen drauf? Schämen sich dann die Leute, die sich die teuren Latschen leisten können, wenn die Armen auch damit rumlaufen? Aus Marketing-Sicht natürlich eine nachvollziehbare Entscheidung: Die Käufer könnten sich auch fragen, warum ausgerechnet sie mehr ausgeben sollten.

Die Herstellung des preiswerten Schuhs sei im Rahmen eines sogenannten Social-Business-Projekts geplant, bei dem der Preis eines Produkts gerade die Material- und Herstellungskosten decke. (stammt aus einer DPA-Meldung, die von diversen Online-Zeitungsausgaben, z.B. auch von Bild-Online unverändert übernommen wurde)

Kannste dir die Gewinnspanne ausrechnen, die man macht, wenn man die Material- und Herstellungskosten mal von üblichen Turnschuhpreisen abzieht.

Da drängen sich doch aber Fragen auf wie: Warum wird denn so extrem an Material- und Herstellungskosten gespart, wenn sie doch so niedrig sind im Vergleich zum Ladenpreis? Warum wird die mühevolle Arbeit der Leute nicht anerkannt? (was bin ich manchmal süß naiv…) Nein, da stellen wir lieber keine weiteren Fragen. Im Gegenteil. Spiegel-Online teasert in einer aberwitzigen Sinnfigur:

Bislang verdiente Adidas viel Geld mit Turnschuhen, die in Billiglohnländern produziert wurden. Jetzt wollen die Herzogenauracher sich revanchieren: Mit einem extra-günstigen Sportschuh für die Dritte Welt.

… und fährt dann mit besagter DPA-Meldung fort. Kann man schön dran erkennen, wie gut die gemeinte Message bei den Redakteuren angekommen ist.

Der 1 EURO-Turnschuh

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtet heute im Wirtschaftsteil über die Zusammenarbeit von Adidas mit dem Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus: Zu einem “auch für die arme Bevölkerung erschwinglichen Preis” will Adidas künftig den Ärmsten Schuhe verkaufen. “Niemand auf der Welt muss mehr barfuß laufen“.

Mir Recht verweist der Autor Georg Meck dabei auf manch ethische Frage: “Wie gerecht ist es, Schuhe in Amerika für hundert Dollar zu verkaufen, die Asiaten für einen Bruchteil davon zusammenschustern?”. Für 1 Euro soll man also bald ein paar Schuhe bekommen können. “Für gewöhnlich kosten schon die Schnürsenkel mehr, insofern ist die Ansage durchaus mutig“, meint der Autor.

Aber ist das wirklich so mutig? Tatsächlich kosten ausgerechnet die Schnürsenkel natürlich so gut wie nichts. Man fragt sich aber zurecht nach dem oben genannten “Bruchteil”. Wie setzt sich eigentlich der Preis für z.B. ein T-Shirt zusammen? Für die Bauwolle (Garne): Nicht mal ein Euro. Für die Arbeit: knapp 3 Euro. Den Rest schöpft der Händler ab - er kalkuliert den Verkaufspreis mit einem Faktor von 2 bis 2,5 des Einkaufspreises (Quelle: Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH). Ähm - mindestens. Es gibt freilich teurere T-Shirts.

Ein Synthetik-Schuh, der nicht mal genäht, sondern nur von einer Maschine aufgeschäumt wird - kostet vielleicht ein wenig mehr als ein leerer Joghurt-Becher. Aber Moment mal! Sogar WIR können heute bereits Schuhe für 1 EUR kaufen. Solche Latschen gibts bei jedem Discounter. Der einzige Unterschied: Sie haben keine 3 Streifen.

Tatsächlich ist Adidas an der eigentlichen Produktion seiner Artikel heute nicht mehr beteiligt. Die Schuhe erzeugt der chinesische Konzern Yue Yuen. Adidas kümmert sich “nur” um das Erstellen des Designs, der Schnitte, das Finishing, die Werbung und die Vermarktung, worauf aber natürlich nach wie vor der größte Anteil der Wertschöpfung abfällt. Woher rührt also die Motivation? Will man sein Image reinwaschen?

Übrigens möchte auch die BASF zukünftig mit dem Nobelpreisträger zusammenarbeiten. Vitaminpulver und 100.000 Moskitonetze könnte man beisteuern. Fast geschenkt - versteht sich. Hat man da Gewissensbisse, dass man mit europaweit verbotenen Agrochemikalien in armen Ländern immer noch gutes Geld verdient? “Vitamine” sind jedenfalls auch wirklich mal was Billiges - und so ein Moskitonetz ist auch nur deshalb teuer, weil man so hohe Preise verlangen KANN - nicht etwa, weil Nylon so ein rares und kostbares Material wäre.

Mehr zum Thema “Ökonomisierung der Armut”. Danke, Sebastian.

Wahlempfehlung

Das Internet spielt im deutschen Wahlkampf eine ganz andere Rolle, als die herkömmlichen Medien das prophezeit haben. Keine obama-mäßige Aktivierung von Mithelfern. Zwar twittert inzwischen fast jeder Provinzpolitiker auf seinem eigenen Blog - aber wer liest das? Die wöchtentliche Video-Botschaft der Kanzlerin schauen sich wohl nur öffentlich-rechtliche Redakteure an.

Die haben sich allerdings wirklich Mühe gegeben - so gibt es neben dem klassischen “Wahl-O-Mat” und Abgeordnetenwatch dieses Jahr tolle weitere Angebote. Der Youtube-Channel vom ZDF und deren Parlameter sind gut gemachte Projekte. Aber auch ein bisschen Augenwischerei - ein “Open Reichstag” ist das noch lange nicht, wenn Politiker bei Maybrit Illner mit Youtube-Videos konfrontiert werden.

Letztlich betrachten die Parteien (aber auch die meisten Redaktionen) das Internet doch nur als zusätzliche Plakatwand für ihre Floskeln. Als Methode zur aktiven Beteiligung an der Parteipolitik oder zur Mobilisierung wird das Netz hierzlande kaum genutzt - und völlig unterschätzt.

Denn neben dem profanen “Wahlkampf 2.0″ (gähn) tut sich etwas noch viel Spannenderes: Warum sollte man das Abstimmungsverhalten “seiner” Abgeordneten verfolgen - wenn man auch gleich selbst politisch aktiv werden kann? Die modernen Bürger nehmen die Möglichkeiten von Online-Petitionen in Anspruch, organisieren im Netz Demonstrationen - und gründeten jüngst eine echte Open-Source-Partei, die weit mehr Potenzial hat, als sich “nur” für Datenschutz und gegen verschärfte Copyright-Bestimmungen einzusetzen. Gerne missversteht man die “Piraten” als Software- bzw. Musik-Piraten, die nur wollen, dass man in Zukunft alles ungestraft für umsonst runterladen darf.

Wenn die Piratenpartei es diesen Herbst aber tatsächlich in den Bundestag schaffen sollte, wäre das eine Revolution. Denn eines der Ziele ist ein “transparenter Staat” statt “gläserner Bürger”. Sie wollen nicht nur kostenlosen Zugang zu freiem Wissen - sondern auch, dass wir alle nachvollziehen können, was in unserem Staat abläuft. Informationen, die momentan nur zähe Journalisten den Ämtern aus der Nase ziehen, soll jeder auf Anfrage bekommen können.

Das Parteiprogramm ist über einen “Wiki” entstanden, d.h. in einem öffentlichen und transparenten Vorgang. Nun ist auch die Wikipedia ein völlig unterschätztes Internet-Organ. Wie selbstverständlich schlagen wir dort alles nach - und vergessen dabei sehr gerne, dass dieser unschätzbar wertvolle Fundus nur durch die fleißige und gemeinnützige Arbeit von vielen einzelnen Privatpersonen zustande kommt. Warum sollte Politik nicht auch so funktionieren können? Und genauso selbstverständlich?

Gibt es schon bald echte e-Demokratie?

In der “Zeit” gab es diese Woche ein “Dossier” zum Thema. Da verglich man Parteien mit Fußballvereien - denen ja beiden die Mitglieder davonliefen. Die Leute meldeten sich heute lieber im Fitnessstudio an, woraus man schlussfolgert, dass die Leute lieber individuelle Ziele verfolgen, als sich in einem “Verein” zu organisieren. Aber kann man die Open-Source-Idee der Piratenpartei mit einem Fitnessstudio in einen Topf werfen? Ich denke - nein! So ein Wiki ist doch viel hypervereinsmäßiger, als man das gemeinhin wahrnimmt. Muss man nur mal die Diskussions-Seiten aufrufen.

Und es spricht ja auch nichts dagegen, sich mit seinem lokalen Netzwerk zu treffen - auf ein Bier beim Stammtisch, beim Grillen oder so.

Euroloch Award 2009

Im hyperinflationären Simbabwe dürften derzeit sogar Kabelbinder als Zahlungsmittel gelten. Nun sind Kabelbinder wie die meisten unscheinbaren Massenprodukte eigentlich wertlos, d.h., ihr Herstellungspreis pro Stück liegt bei Null Cent. Auch Baumärkte leben bekanntlich davon, Gummiringe für teuer Geld einzeln zu verpacken, obwohl so ein Gummiring so gut wie nichts kostet.

Euroloch-AwardLeere Original-Verpackungen von teuren technischen Anschaffungen werden übrigens auch bei uns inzwischen hoch gehandelt. 20 EUR für einen Apple-Karton sind da durchaus drin.

Demgegenüber steht der stark wachsende Handel mit virtuellen Gütern, die mit realem Geld bezahlt werden, physisch aber nicht existieren: Musik, Ebooks, “Items” in Onlinespielen - die man sogar in ganz realen Läden kaufen kann.

“Guthaben” bekommt man in Form einer Nummer auf den Kassenbon gedruckt - aber manch virtuelles Produkt ist da schon aufwändiger verpackt. Höchste Zeit also einen Preis auszuloben für das hübsch verpackteste Nichts, das derzeit zu haben ist. Hier sind zwei beispielhaft Nominierte - die Jury ist für viele weitere Vorschläge dankbar:

1. Deutsche Post AG mit der “Clevercard

Die Post bringt es fertig, Hyperlinks auf Pappkärtchen zu verschlüsseln, die von den freiwilligen Abonnenten mit einem speziellen Lesegerät zu Hause aufgerufen werden können. Links per Post verschicken, das ist kühn und originell - und nachvollziehbar, wenn man geschäftsmäßig mit Adressen handelt - aber eben auch vollkommen sinnlos. Außerdem sind die Produkte und sogar das Lesegerät kostenlos, das gibt Punktabzug! Prognose: Höchstens für ältere Internet-Neulinge mit ausgeprägter Rabattsystem-Affinität interessant.

Clevercard der Deutschen Post AG

2. Nintendo of Europe für die “Wii Points Card

Für das Guthaben im eingebauten “Wii Shop Channel” bekommt man nicht nur einen lieblosen zufälligen Zahlensalat auf einem Kassenbon, nein, man bekommt einen Haufen Material: Einen Hochglanzpappschuber mit eingelegter Karte und zwei Broschüren: Eine zwölfsprachige Bedienungsanleitung und einen Werbeprospekt. Natürlich alles mit dem Original Nintendo “Seal of Quality”. Das macht viel her!

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Die Maggi-Kuh

Maggi-Kuh

Neulich träumte ich ernsthaft von einer “Maggi-Kuh”, von der ich dringend eine schlechte Montage basteln musste. Durch einen Werbespot von “Knorr Vie” wurde dieses seltsame Bild wieder in mein Bewusstsein gespült: Kann ein Tütensuppenhersteller denn wirklich glaubhaft etwas Gesundes - beispielsweise einen Smoothie verkaufen? Selbst in den USA, dem Herkunftsland des Smoothie, schmeißt man einfach ein paar frische Sachen in einen Mixer und kaum jemand käme auf die Idee, das als Fertigprodukt zu kaufen. Wünschenswert wäre schon eher, dass man hierzulande gefrorenes Orangensaftkonzentrat für den Privathaushalt kaufen kann! Ist doch viel sinnvoller, als das Zeug bereits mit Wasser verdünnt in Tetrapaks Heim zu schleppen. Der Smoothie aus der Plastikflasche jedenfalls stellt das genaue Gegenteil dieser Idee dar.

(Original-Kuh von stevoarnold)

Schmerzgrenze an Leserschwund

Wo liegt bei Dir die Schmerzgrenze an Leserschwund, der Dich veranlasst, Dein wundervolles Nischenprogramm einzustellen?

Welch provokante Frage! Aber das muss ich doch ausführlicher ausführen: Ich habe 2005 mit dem Bloggen angefangen. Da wusste man noch gar nicht, für was das gut sein sollte, aber es war schon außerordentlich hip. Da gab es noch keine Social-Bookmarking-Werkzeuge, sondern bloß einen Haufen Webtagebücher und freakige Sprachakrobaten, die tolle Texte schrieben. Das sind auch so die Blogs, die ich selbst ganz gerne lese - Webtagebücher sind nicht so mein Ding. In all den Jahren habe ich es noch auf nicht mal 200 (!) Postings gebracht. Darauf bin ich fast ein bisschen stolz. Das macht höchstens einen Post pro Woche - hey, und selbst das kommt mir fast viel vor! Und in all der Zeit habe ich nicht einmal das Kubrick-Standard-Theme ausgewechselt!

Der Trash wuchert zwar nach wie vor allüberall - aber der echt urige liegt hinter uns. Aus diesem Grund hat schon die wunderbare Müllseite dicht gemacht, die immer mein großes Vorbild war. Ich bin da Nostalgiker und trauere dem Web 1.0 hinterher. Mit dem bin ich großgeworden. Blinkende GIF-Zierleisten, ja das waren noch Zeiten… Die private Internet-Seite hat sich nahezu aufgelöst in zig untereinader eingebettete Profile bei irgendwelchen MyFace-ähnlichen Diensten, die dann alle hochindividuell verziert sind. Diese Art Internet meide ich.

Blinke-GIF
Aber auf was wollte ich hinaus? Ach ja - also das gab es alles nicht, ich nutzte mein Blog um mir selber Seiten zu merken und kommentierte das Ganze noch ein bisschen. Das es noch andere lesen KÖNNEN, das ist schön - aber ich muss deshalb nicht in irgendwelchen Social-Bookmarking-Hitparaden aufsteigen. Liebe Leute - nehmt diese ganzen unsäglichen SEO-Tipps bitte nicht so ernst. Das ist alles heiße, schlechte Luft aus dem Hals von Dieter Bohlen. Es kann (und muss) nicht jeder ein “Star” sein.

Und die 20 EUR, die durch Google-Werbung oder T-Shirt-Verkäufe (Prust!) reinkommen täten, lohnen den ganzen Spam-Aufwand sowieso nicht. Ganz zu schweigen von der hässlichen Verunzierung, die solche Werbemaßnahmen mit sich bringen. Nicht vergessen - mit “Geld verdienen” verdienen vor allem die Leute einen Haufen Geld, die dir welches versprechen!

Twitter ist ein prima Tool für faule Blogger - wenn ich mir die Blogs der Leute so ansehe, die viel twittern, sehe ich, die schreiben auch schon viel weniger. Und auch dort halte ich es übrigens für völlig Banane, anzustreben, dass einem wunderweißwieviele Leute “zuhören”. Stell dir vor, die antworten alle! Es geht darum, sich mit ein paar Leuten zu vernetzen. Der Witz ist gerade nicht, dass man als Einzelner 1000 Leute erreicht, sondern dass Twitter irrsinnig viele Mikro-Netzwerke beherbergt, zwischen denen die heißesten News blitzschnell nach oben befördert werden.

Auch bei Blip.fm ist nicht mein Ziel, dass ich persönlich viele “Anhänger” finde, sondern dass man durch Leute, deren Geschmack man schätzt, viele neue Stücke kennenlernt. In einem sehr individuellen Radio-Stream. Es ist ein cooles Werkzeug - aber um Gottes Willen keine Bühne.

Nein nein, das Verhältnis aus Postings schreiben und lesen, sollte ausgewogen sein, finde ich. Und ich will auch mal in Urlaub fahren können, ohne dass ich einen Gastschreiber einstellen muss, weil mir sonst der Traffic wegbricht… Die beste Bühne ist und bleibt immer noch das Theater. Ahoi!

(geschrieben mit dem angenehmen Stress-Tool “write or die“)

Vom Hölzchen zum Stöckchen

In einer beschmunzelungswürdigen Assoziationsreihe kommt Dr. Christian Stöcker (Redakteur SpiegelOnline) zu dem Schluss, das Internet bestünde zunehmend aus kitschigen Tierbildern. Das ist natürlich kalter Kaffee und ich wage zu behaupten, dass niedliche Tiere Menschen schon seit Jahrtausenden entzücken - aber die fantastische Grammatik macht den Artikel ungemein lesenswert:

Jetzt ist langsam mal Schluss mit niedlich. Im Ernst. Es reicht. Das Internet, sagt ein populäres, sogar bereits vertontes Neo-Sprichwort, ist für Pornografie: The Internet is for porn. Was zweifellos stimmt. Ein zweites, noch nicht populäres aber um nichts weniger wahres Noch-Nicht-Sprichwort lautet: Das Internet ist für Katzenfotos. (Link)

Spaß beiseite, Tacheles, jetzt mal Butter bei de Fische! Es ist tragisch, dass “Qualitätsjournalisten” auch nichts weiter tun als das Material aus ihren Feedreadern ungeprüft wiederzukäuen. Und es ist absolut lächerlich, den Verkaufspreis einer eBay-Auktion vor Ablauf für eine vernünftige Argumentation zu gebrauchen. Auch mit albernen Tools, die den Wert eines Blogs zu beziffern vorgeben, wäre ich persönlich vorsichtig.

Ja schade, dass es über deutschsprachige Blogs so wenig zu berichten gibt. Schade auch, dass eins der erfolgreichsten deutschen Nachrichtenportale unbelesen solch gequirlten Bullshit verbreitet. Und eigentlich noch schlimmer, dass ich mich genötigt sehe, auch noch was dazu zu meinen.

Super auch dieses (Skype-?) Interview mit Dr. Stöcker:

Warum können Sie mit dem Begriff “Bürgerjournalismus” nichts anfangen?

Stöcker: Das Wort “Bürger” schleppt zu viele Konnotationen mit sich herum. Blogs passen eher zu anti- bis unbürgerlichen Grassroots-Traditionen. Auch “Journalismus” greift als Begriff zu kurz, weil es um mehr geht als das journalistische Betätigen. Es geht nicht zuletzt um Unterhaltung, um Kommunikation. Die Bezeichnung “Citizen Journalism” gefällt mir besser, obwohl auch das ein überhöhtes Wort ist. Schließlich gab es schon immer Journalismus, der nicht von Profis gemacht wurde, etwa bei Schülerzeitungen. Das ist keine Erfindung des Internet. Hier wird eine Geisterdebatte geführt: Blogger bezeichnen sich in der Regel nicht als Journalisten, sie schimpfen eher über sie.

Mhm, erwischt!

Verstaubte Moral

Der Samstagabend auf Pro7 hätte sich ähnlich auch auf Arte abspielen können: Eine Dokumentation über Partnerschaften heute und zwei Trash Retro-Dokus von Oswalt Kolle. Davor lief eine Clip-Show unter dem Motto “Die 10 geilsten Szenen aus Erotik-Thrillern der 90er”, kommentiert von Gülcan, Ex-Big-Brother-Bewohnern und einer Drag-Queen, die nach eigenen Angaben für irgendwas berühmt ist. Wieso braucht man eigentlich für so was diese C-Promis? Man könnte die gleich mit einer eigenen Casting-Show züchten. So hätte man eine neue Show UND wirklich schlagfertige Kommentatoren für unzählige weitere Shows!

Liebe als Gesellschaftsspiel

“Die Zukunft hat schon begonnen. Eine Zukunft, in der wir alle unsere Sexualität ohne Schuldgefühle erleben können. Schon heute herrscht eine sexuelle Freiheit, die wir uns vor wenigen Jahren nocht nicht vorstellen konnten. (…) Die Menschen der Zukunft werden immer weniger arbeiten und deshalb immer mehr Freizeit haben, die sie sinnvoll nützen wollen. Hier wird die Sexualität zu einem abwechslungsreichen Spiel, bei dem man seine Mitmenschen besser kennenlernen und sein Erlebnisfeld dadruch vergrößern kann. (…) (Oswalt Kolle: “Liebe als Gesellschaftsspiel”)

Airwick \

Und dann mitten zwischen rauchenden studentischen Gruppensexknäulen - zwei total deplazierte Werbespots: Der eine für ein neues Raumbeduftungsverfahren, der andere für ein Babydesinfektionsmittel. Airwick möchte uns jetzt tatsächlich ein Gerät verkaufen, das automatisch zwischen zwei unterschiedlichen Düften abwechselt! Das soll sich wohl an diejenigen richten, die schon gar nichts mehr von ihren permanenten Parfümverströmern mitbekommen. Warum uns das aber ausgerechnet eine computeranimierte Tierfamilie verklickern soll, die aus Pinguinen, Bären und Schweinen besteht, bleibt ein unlösbares Rätsel.

Sagrotan Gruselwerbung

Sagrotan hat einen weiteren Gruselschocker produziert, der uns Angst vor den kleinsten Mitbewohnern in unserem Haushalt machen soll: In einer surrealen Alptraumsquenz wird uns allen klar, dass nur mit Sagrotan alles so sauber wird, dass man glatt aus der Kloschüssel essen möchte. Oder wie ist das zu deuten? Schneidebretter mit Sagrotan zu desinfizieren halte ich jedenfalls für eine bescheuerte Lösung. Und ich hoffe, dass die jungen Mütter sich nicht kirre machen lassen - es ist sogar völlig unschädlich, wenn der Hund dem Baby übers Gesicht leckt! Eine Alternative für überängstliche Mütter: Plüsch-Mikroben!

Sagrotan Gruselwerbung

Jedenfalls scheinen unsere Moralvorstellungen heute immer noch nicht wesentlich freiheitlicher geworden zu sein - auch wenn wir uns heute über diese Aufklärungsfilme lustig machen. Darauf wollte ich hinaus, glaube ich…

Blib.fm

Twitter ist schon so simpel, dass die meisten Leute zunächst gar nicht nachvollziehen können, wie sinnvoll und revolutionär dieses Werkzeug ist. Die nächste Revolution ist Blib.fm - oder vergleichbare Dienste:

Alle im Internet frei verfügbaren MP3s oder Podcasts (aber auch selbst hochgeladene Musikstücke)* werden bei Blib.fm zu einem Internet-Radio-Stream. Man kann seine Freunde einladen oder über gleiche Geschmacksrichtungen sehr schnell Wildfremde finden. Aus deren und eigenen Eingebungen bildet sich ein unendliches hochindividuelles Mixtape - das sinnigerweise die Startseite bildet.

Wer noch vorhatte, seine ganzen CDs auf die Festplatte zu spielen, weil die sich ja vielleicht doch nicht sooo lange halten kann sich die Mühe nun getrost sparen. Das Internet ist voller Musik - und man muss sie nicht mal mehr in dubiosen Kanälen suchen und runterladen.

Aus der Copyright-Frage hält sich Blip.fm fein raus - die Verantwortung sollen die User tragen.*

Der Traum der Entwickler ist eine Verfügbarkeit ALLER Musikstücke, mit der sich das Risiko der Illegalität erübrigen würde. Wer die gestreamten Musikstücke herunterladen will, kann dies über einen Link zu einem Verkaufsportal (oder ist so schlau, dass sich die Mp3-Dateien logischerweise geraume Zeit im Browser-Cache befinden). Das soll wohl ausschließen, dass die Musikindustrie völlig verzweifelt. Nur - wozu überhaupt noch irgendwas runterladen, sprich abspeichern? Und dafür bezahlen?

Wenn in Zukunft ohnehin überall WLAN herrscht, lässt man sich die Musik einfach auf ein entsprechendes portables Gerät streamen. Das könnte bereits heute manches Handy sein.

Früher musste man in einen Laden gehen und eine Schallplatte kaufen. Vorgestern konnte man sich Musik aus dem Radio auf Kassetten spielen und diese auf einem Walkman mit sich tragen. Gestern kaufte man sich CDs im Laden, spielte sie auf den Rechner und vielleicht auf einen MP3-Player. Oder man holte sie sich illegal aus dem Netz. Alternativ kann man seit etwa kurz vor Mitternacht, kostenpflichtig und viel zu teuer, einzelne Musikstücke legal auf PC oder Handy laden - womöglich noch mit Kopierschutz!

Und heute? Durch Dienste wie Blip.fm hat man die Möglichkeit, überall wo Internet ist, Playlisten seiner Lieblingsmusik anzuhören. Sie muss nirgendwo dauerhaft gespeichert werden, die verkaufte Kopie verstaubt im Regal. Das ist aber nicht das Ende der Musik - nur das Ende der Industrie.

Der ganze Umweg vom Künstler zum Konsumenten über Plattenfirmen und Vertriebe, Läden und Datenträger - entfällt. Und damit all die schmarotzenden Mitverdiener. Der einzelne Künstler profitiert durch die blitzartige Verbreitung seiner Musik im Internet und verdient sein Geld mit Konzerten. Vielleicht. Vermutlich muss er noch Kellnern gehen.

So, jab ich jetzt oft genug Blip.fm verlinkt? (Mir gehen meine Props aus!)

Das Archiv

War ja grade im Web von vorgestern - kein Problem dank “Waybackmachine” - grusliges Ding - auf einer längst toten und unerreichbaren Seite… Hübsch auch, sich dort vergangenes Webdesign vor Augen zu rufen. Heute wäre das damalige Jugendmagazin “Come-In”, bei dem ich wohl die Finger mit im Spiel hatte, sicherlich ein Wordpress.

Die Waybackmaschine erfasst aber nicht nur komplette Webseiten zu mehreren Zeitpunkten, sondern bietet außerdem Zugang zu etlichen digitalen Bibliotheken und Video-Archiven. Eine Art kulturelles Youtube.

Nicht zu vergessen eine Riesenauswahl lizenzfreier Musik und Netlabels - daher mag ich nur jedem die entsprechende Feed-Adresse ans Herz legen… Wer seine eigene Musik gerne kostenlos veröffentlichen mag und den Speicherplatz auf dem eigenen Server scheut, kann seine Titel samt Artwork dort hosten, ohne den Kommerz durch die Hintertür befürchten zu müssen.

Medium: MP3
Link: MP3

AlienApropos Webdesign von gestern: Der Rippenschneider hat eine reichhaltige Sammlung animierter GIFs - und er produziert sogar aktuell noch neue, z.B. für die Fußball-EM. Daneben gibt es kultige E-Card-Skripte mit lustiger Midi-Musik zu verschiedenen Anlässen und Bannergeneratoren… Fantastisch! Früher waren kostenlose AniGIF-Archive fast so gefährlich wie Pornoseiten! Heute wirken sie wie ein Museum, wenn einem da viel zu schnell drehende Disketten um die Ohren fliegen. Ach ja. *Schnief*

meskalin@metropolis.deGanz nebenbei: Der Grund für den unüberlegt blöden Namen “Meskalinopolis” ist meine erste E-Mail-Adresse: meskalin@metropolis.de

Metropolis war für mich damals die absolut geilste Community überhaupt - und hey, dieses Design könnte man heute noch so lassen! Ging böse den Bach runter die Seite. Was war eure erste Startseite?